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27.07.2021 - 08:00h - Allgemein

Im Ernstfall fehlt die Kommandozentrale

Von Hannelore Wiedemann - Aarbote vom 27.7.2021
Rheingau-Taunus. Im Freundeskreis hört Christian Rossel in diesen Tagen immer wieder dieselbe Frage: Was, wenn die Flutkatastrophe sich nicht an der Ahr, sondern im Aartal abgespielt hätte? Wäre der Kreis vorbereitet gewesen? Rossel ist Kreisbrandinspektor, die nicht-polizeiliche Gefahrenabwehr gehört zu seinen zentralen Aufgaben. Im Ernstfall ist er derjenige, der den Überblick behalten und die ehrenamtlichen Einsatzkräfte anleiten und koordinieren muss. Doch die Antwort auf die Frage ist nicht leicht.



„Zum Wachwerden brauchen wir die Sirenen“


Immerhin 2880 freiwillige Feuerwehrleute könnte Rossel im Rheingau-Taunus alarmieren, wenn es notwendig wäre; zusätzlich rund 500 Helfer von den Rettungsorganisationen. Durch die Lage am Rhein sind viele dieser Helfer mit Hochwasser seit Langem vertraut. „Doch eine solche Flut könnten wir auf Kreisebene niemals alleine bewältigen“, stellt Rossel klar. Bei einem Hochwasser dieses Ausmaßes wäre man auf die Hilfe des Landes angewiesen. Und wenn der Pegel der Aar innerhalb von kurzer Zeit um das 16-Fache angestiegen wäre, „dann kann man den Schaden nicht mehr verhindern, sondern nur noch evakuieren“.


Der erste Schritt für einen effektiven Katastrophenschutz ist für den Kreisbrandinspektor deshalb ein funktionierendes Warnsystem – und da gebe es eine Lücke. „Zum Wachwerden brauchen wir die Sirenen.“ Apps wie „Katwarn“ seien keine Lösung. Doch vielerorts seien die Sirenen, die ursprünglich dem Bund gehörten und in den 90er Jahren den Kommunen übereignet wurden, veraltet. Mancherorts seien sie abgebaut worden, und in vielen Neubaugebieten habe nie eine Sirene existiert. Viele der bestehenden Anlagen seien zudem nicht dafür ausgestattet, verschiedene Warn-Töne zu produzieren. Deshalb gebe es einen enormen Investitionsbedarf – Rossel schätzt ihn auf 15 000 bis 25 000 Euro pro Anlage. Um nach der Warnung Informationen zu übermitteln, eigne sich das „Cell Broadcast“-System, bei dem eine SMS an jedes in der Funkzelle eingeloggte Handy versandt wird.


Auf Hochwasser-Einsätze ist der Kreis mit spezialisierter Ausrüstung vorbereitet: In mehreren Abrollbehältern lagern Hochleistungspumpen sowie eine Pumpanlage. Zudem verfügen die Feuerwehren über einige Fahrzeuge mit Allradantrieb. „Im Großen und Ganzen sind wir gut aufgestellt, aber wir haben schon Hausaufgaben“, macht Rossel den Handlungsbedarf deutlich. Denn die Gerätschaften gehören nicht alle dem Kreis, sondern dem Land Hessen. Dieses kann die Ausrüstung also auch abziehen, sollte sie im Ernstfall an anderer Stelle dringender gebraucht werden. Die Anschaffung weiterer Gerätschaften sowie von Fahrzeugen, die es auch mit schwierigem Untergrund aufnehmen können, steht deshalb ganz oben auf der Liste, die der oberste Brandschützer in den neuen Bedarfs- und Entwicklungsplan schreiben will. Bis Ende des Jahres soll er den Kreisgremien vorgelegt werden.


Eine ganz besondere Schwachstelle im Kreis ist das fehlende Gefahrenabwehrzentrum. Nicht nur, dass es derzeit kein Lager gibt, in dem Materialien für die Notfall-Versorgung vorgehalten werden könnten. Das größte Manko seien die fehlenden Räumlichkeiten für die Koordination der ehrenamtlichen Helfer. In der bestehenden Leitstelle im Kreishaus wäre es jedenfalls nicht möglich, die notwendige Kommandozentrale einzurichten. Im Ernstfall müssten sich der Kreisbrandinspektor und sein Stab erst einmal geeignete Räume suchen, zumal im Heimbachtal der Handyempfang sehr zu wünschen übrig lässt.


Den Bau eines Gefahrenabwehrzentrums, wie es im Kreis seit fast fünf Jahren diskutiert wird, hält Rossel deshalb für unabdingbar. Bereits im Mai hat er schriftlich auf „gravierende Mängel“ hingewiesen, die dazu führten, „dass eine ordnungsgemäße Führung von Schadenslagen aktuell nicht geleistet werden kann“. Der Kreis bewege sich „deutlich im Bereich des Organisationsverschuldens“, kritisiert der Kreisbrandinspektor in einer E-Mail, die auch den politischen Gremien vorliegt. Die Katastrophe an der Ahr spiele bei der Beurteilung der Lage im Kreis keine Rolle, aber sie zeige anschaulich, auf welche Szenarien man sich vorbereiten müsse. Welches Schutzziel man dabei definiere, sei eine Entscheidung, die in den politischen Gremien getroffen werden müsse.


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